Visuelle Wahrnehmung
Ergo.Wissen Infothek
Ich wünsche den Menschen die Gabe, sich mit den Augen der anderen zu sehen.“
— Robert Burns (1759 – 1796), schottischer Nationalbarde
Visuelle Wahrnehmung – Definition
Visuelle Wahrnehmung kann als die Fähigkeit verstanden werden, optische Reize aufzunehmen, zu unterscheiden, einzuordnen, zu interpretieren, mit früheren Erfahrungen zu verbinden und entsprechend darauf zu reagieren. (Barth 2006)
Das aufnehmende Organ der visuellen Wahrnehmung ist das Auge, wobei die komplexen Prozesse zur Bildung einer „Wahrnehmung“ durch die neuronale Verarbeitung im Großhirn entstehen.
Unsere Augen ermöglichen es unter anderem, Dinge in der Nähe und aus der Ferne zu betrachten, Tiefen zu unterscheiden sowie Farben, Formen und Größen zu differenzieren. DIe Augenmuskeln halten unsere Augen dabei anatomisch in der richtigen Position, ermöglichen einen Fokus auf bestimmte Details und können schnelle Korrekturbewegungen vornehmen. Die Seheindrücke beider Augen verschmelzen durch die Weiterverarbeitung im Okzipitallappen (Hinterhauptslappen) schließlich zu „einem Bild / zu einer Wahrnehmung“.
In der zentralen, neuronalen Verarbeitung gibt es eine Reihe kognitiv-analytischer und räumlich konstruktiver Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfähigkeiten, die von der Wissenschaft differenziert beschrieben werden. Die visuelle Wahrnehmung wird dabei in Anlehnung an die Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlich – medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) als ein kognitiver Prozess verstanden, der von einer funktionierenden Sehfunktionen abhängig ist.
Das gesamte visuelle System liefert verschiedene Informationen über Form, Umriss, Tiefe, Größe, Lage und Abstand von Gegenständen und Umweltmerkmalen. Diese werden in der weiteren Verarbeitung in Beziehung zueinander und in Beziehung zum Betrachter gesetzt (AWMF 2017; Lichtenauer/Reif, 2013).
Die aktuelle Leitlinie der AWMF zu visuellen Wahrnehmungsstörungen beschreibt verschiedene Perspektiven auf visuelle Funktionen. Je nach Berufsgruppe gibt es unterschiedliche Klassifikationen visueller Leistungen. In Anlehnung an den derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Forschung geht man jedoch von zwei grundlegenden visuellen Wahrnehmungsbereichen aus, die sich in vielen theoretischen Modellen zur visuellen Wahrnehmung wiederfinden. Zum einen werden visuelle Leistungen in räumlich-konstruktive Leistungen eingeteilt, zum anderen werden visuell-kognitive Fähigkeiten beschrieben. Aufgrund der hohen Praxisrelevanz und der weiten Verbreitung, gerade auch innerhalb der Ergotherapie, werden nachfolgend die derzeit gültigen visuellen Funktionen in Anlehnung an das Konzept von Marianne Frostig vorgestellt, das seit den 1960er Jahren weiterentwickelt und überarbeitet wird.
Die Beschreibung der aktuellen visuellen Teilleistungen ist dem FEW-3 (Frostig Entwicklungstest zur visuellen Wahrnehmung – Version 3) entnommen (Büttner et al. 2021).

Auge Hand Koordination
Die Auge-Hand-Koordination ist die Fähigkeit, Bewegungen des Körpers oder von Körperteilen (z. B. der Hand) mit dem Sehen zu koordinieren. Wenn ein Sehender nach etwas greift, werden seine Hände durch seinen Sehsinn geleitet (Lichtenauer et al. 2011). Die komplikationslose Durchführung beinahe jeder Handlungsfolge hängt von einer ungestörten Koordination von Augen und Motorik ab.
Büttner et al. beschreiben dazu im Sinne der Grafomotorik (Schreiben, Zeichnen): „Die Auge-Hand-Koordination erfasst die Fähigkeit, innerhalb eng umgrenzter, schmaler Segmente exakte, gerade oder kurvige Linien zu zeichnen.“ (Büttner et al. 2021).
Abzeichnen
Laut Manual des FEW – 3 ist das Abzeichnen einer Figur die gebräuchlichste Methode zur Testung der visuellen Wahrnehmungsfertigkeiten. Dabei lassen sich Informationen über die allgemeine kognitive Reife, Hirnfunktionsstörungen und feinmotorische Fähigkeiten gewinnen. Ebenso sind die visuelle Repräsentation von Objekten und deren Umsetzung ersichtlich.
Büttner et al. beschreiben das Abzeichnen folgendermaßen: „Das Abzeichnen erfasst die Fähigkeit, die Eigenschaften einer visuellen Vorlage zu erkennen und die Darstellung der Vorlage abzuzeichnen.“ (Büttner et al. 2021).
Figur – Grund – Wahrnehmung
Die Figur – Grund – Wahrnehmung (FGW) ist die Fähigkeit, versteckte und sich überkreuzende Figuren zu erkennen, und misst dabei eine Unterscheidungsfähigkeit auf hohem kognitivem Niveau. Das Kind lernt durch Übungen in diesem Bereich, sich auf wichtige Stimuli zu konzentrieren, Details an Figuren zu differenzieren und sie von ihrem Hintergrund abzuheben. Unwichtige Details müssen dabei ausgeblendet werden (Lichtenauer et al. 2011).
Büttner et al. benennen die FGW wie folgt: „Die FGW erfasst die Fähigkeit, Figuren zu erkennen und wahrzunehmen, selbst wenn sie in einem verwirrenden, komplexen Hintergrund verborgen sind.“ (Büttner et al. 2021).
Gestaltschließen
Beim Gestaltschließen müssen bekannte Objekte auch dann als solche erkannt werden, wenn sie nur teilweise, bruchstückhaft oder gekürzt dargeboten werden. Dies ist vor allem beim Lesen von Buchstaben eine wichtige Eigenschaft, aber auch beim Erkennen von Alltagsobjekten, die nur teilweise oder bruchstückhaft zu sehen sind (frei nach Büttner et al. 2021).
Im Manual des FEW-3 heißt es dazu von Büttner et al.: „Gestaltschließen erfasst die Fähigkeit, die Gestalt einer Figur zu erkennen, wenn sie nur unvollständig gezeichnet ist.“ (Büttner et al. 2021).
Formkonstanz
Aufgrund der Formkonstanz sind wir imstande, bestimmte Eigenschaften eines Gegenstandes unter verschiedenen Blickwinkeln trotz unterschiedlicher Sinneseindrücke im Auge verändert wahrzunehmen. Unabhängig von bestimmten Merkmalen (z. B. Größe, Position, Struktur, Farben, Schattierungen) kann die ursprüngliche Form wiedererkannt werden. Sie ist eine wichtige Voraussetzung, um beispielsweise geometrische Formen unabhängig von Größe, Farbe oder Lage zu erkennen und später Buchstaben, auch wenn sie in einem anderen Wort vorkommen oder in einer anderen Schrift geschrieben sind (Lichtenauer et al. 2011).
Der FEW-3 beschreibt dazu Folgendes: „Formkonstanz erfasst die Fähigkeit, zwei Figuren (z. B. zwei Quadrate) als ähnlich zueinander zu erkennen, auch wenn sie sich in einem oder in mehreren Merkmalen unterscheiden (z. B. Größe, Positionierung, Schattierung) (Büttner et al. 2021).
Literatur
AWMF (2017). Langfassung der Sk2-Leitlinie Visuelle Wahrnehmungsstörungen. Zuletzt aufgerufen am 23.8.2020 unter: https://www.awmf.org
Barth (2006): Lernschwächen früh erkennen im Vorschul- und Grundschulalter, 5. Auflage Reinhard – Verlag München – Basel 2006
Büttner G., Dacheneder W., Müller C., Schneider W., Hasselhorn M. (2021): Frostigs Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung 3 – Manual, Hogrefe Verlag, Göttingen
Lichtenauer N., Reif M., Orichel M., Schramm E., Starnecker B., Wagenhuber U., Borck L. (2011): in Fördern – Heilen – Stärken, Kinder und Jugendmedizin in der Inn – Salzach – Region, Kapitel 21. Ergotherapie – Eine Information für Patienten und Ihre Eltern, Gebr. Geiselberger GmbH Druck & Verlag, Altötting
Lichtenauer N., Reif M. (2013). Adlerauge Anyel: Neuropsychologisches Trainingsprogramm ur Förderung der visuellen Wahrnehmung bei Kindern von 5 – 9 Jahren. Schulz-Kirchner-Verlag. Idstein
